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Haben Sie sich je gefragt, warum die Politik großer westlicher Nationen, ungeachtet aller Wahlversprechen und wechselnder Regierungen, in ihren Grundzügen erstaunlich konstant bleibt? Warum Außenpolitik, Wirtschaftsregulierung und Sicherheitsprioritäten oft unbeweglich erscheinen, selbst wenn Kanzler und Präsidenten wechseln? Die Antwort, so argumentieren Kritiker und Theoretiker, liegt in einem Phänomen, das als die „Tiefe Staat“ (Deep State) bezeichnet wird: ein unkontrolliertes, unsichtbares Netzwerk von Machtzentren, das die Geschicke von Nationen außerhalb demokratischer Kontrolle formt.

Dies ist keine Erzählung über eine einzelne Geheimgruppe. Es ist die Analyse von fünf eng miteinander verwobenen institutionellen Säulen, die tief in den Fundamenten der modernen Staaten – von Washington bis Brüssel – verankert sind. Ihre Macht überschneidet sich ständig, was garantiert, dass das System über kurzfristige politische Zyklen hinaus Bestand hat. Wir beleuchten die kalte, bürokratische Architektur dieser nicht gewählten Mächte.

I. Die Stillen Flüstern: Geheimdienste – Die Währung Information

Die erste Säule ist die klassische und mysteriöseste: Die Geheimdienste. Ihre Macht basiert nicht auf Gesetzen oder Wahlen, sondern auf Information – der wertvollsten Währung des 21. Jahrhunderts.

Globaler Überwachungsstaat und Geopolitik

In den USA (Central Intelligence Agency, CIA; National Security Agency, NSA) und in Großbritannien (Secret Intelligence Service, MI6; Government Communications Headquarters, GCHQ) agieren die Dienste als globale Giganten.

Monopol auf die Wahrheit Die Dienste kontrollieren, welche Informationen den gewählten Führungskräften präsentiert werden. Wie diese Informationen gerahmt oder zurückgehalten werden, entscheidet darüber, ob ein Staat in einen Krieg zieht, Sanktionen verhängt oder Bündnisse wechselt. Wenn Nachrichtendienste wählen, bestimmte Bedrohungen zu bagatellisieren oder überzubetonen, gestalten sie direkt die nationale Politik.

Die Snowden-Enthüllungen Die Aufdeckungen von Edward Snowden über die Massenüberwachung (NSA-Programm PRISM und GCHQ) haben bestätigt, dass die Macht dieser Dienste alle nationalen Grenzen überschreitet. Sie überwachen nicht nur Gegner, sondern auch eigene Bürger und enge Verbündete – das Abhören von Angela Merkel ist ein prominentes Beispiel.

Verdeckte Aktionen und Sabotage Dienste wie die CIA und der französische Auslandsgeheimdienst DGSE haben historisch covert actions durchgeführt – von der Stürzung von Regierungen in Lateinamerika bis hin zu Sabotageakten (wie die Versenkung der Rainbow Warrior durch die DGSE). Dies ist Politik, die im Verborgenen betrieben wird und sich dem demokratischen Konsens vollständig entzieht.

Quintessenz der Macht: Die Geheimdienste liefern den kognitiven Rahmen, innerhalb dessen Politiker Entscheidungen treffen. Wer die Information kontrolliert, kontrolliert die Wahrnehmung der Realität.

II. Der Mantel des Gesetzes: Justiz und Polizei – Die Autorität der Ordnung

Die zweite Säule ist subtil, aber fundamental: Justiz und Polizei. Sie repräsentieren die Macht der Gesetzesdurchsetzung und der Aufrechterhaltung der Ordnung, doch ihre Rolle ist oft eng mit politischer Kontrolle verknüpft.

Verfassungsgerichte und Korruptionsjäger als politische Akteure

Während das US Federal Bureau of Investigation (FBI) einen globalen Einfluss besitzt, liegt der Fokus in Kontinentaleuropa auf der Macht der Verfassungsgerichte und spezialisierter Staatsanwaltschaften, die die höchste Politik beeinflussen können.

Die Arbitrator-Rolle der Höchstgerichte In Deutschland (Bundesverfassungsgericht) und Österreich (Verfassungsgerichtshof, VfGH) besitzen die Höchstgerichte die Befugnis, vom Parlament erlassene Gesetze aufzuheben, wenn sie gegen die Verfassung verstoßen. Dies ist die ultimative Bremse für die Macht gewählter Politiker, macht aber gleichzeitig die nicht gewählten Richter zu obersten Schiedsrichtern der nationalen Politik.

Jagd auf die Elite Spezialisierte Staatsanwaltschaften, wie die WKStA (Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft) in Österreich oder die PNF (Parquet National Financier) in Frankreich, haben sich einen Ruf als unerbittliche Verfolger von Politikern erworben. Ihre Ermittlungen gegen ehemalige Bundeskanzler, Minister und Präsidentschaftskandidaten zeigen, dass die Justizsäule die Macht besitzt, politische Karrieren vollständig zu zerstören, oft ohne direkte politische Steuerung, aber mit unabwendbaren politischen Folgen.

Die Legalisierung der Überwachung Die Justiz ist entscheidend, um den Diensten (Säule I) die notwendige rechtliche Deckung zu verschaffen. Richter von Geheimgerichten genehmigen Anordnungen für Massenüberwachung und Überwachung, wodurch zwischen demokratischer Kontrolle und nicht gewählter Macht nur noch das rechtliche Siegel steht.

Quintessenz der Macht: Die Justiz sichert die Legitimität aller staatlichen Handlungen. Wer die Interpretation des Gesetzes kontrolliert, kontrolliert, was erlaubt ist.

III. Die Herren der Inflation: Zentralbanken und Finanzsektor – Die Kontrolle über das Geld

Die dritte Säule ist im ökonomischen Sinne die mächtigste: Zentralbanken und der Finanzsektor. Ihre Macht liegt in der Kontrolle über das Geld und die Geldpolitik, wobei sie vollständig außerhalb der Reichweite der Wahlurnen agieren.

Die Preis des Geldes und die „Too Big to Fail“-Doktrin

Die Gouverneure von Zentralbanken (wie die US Federal Reserve (FED) oder die Europäische Zentralbank (EZB) für die Eurozone) sind auf lange Amtszeiten ernannte Technokraten.

Die Macht der Zinssätze Ihre Entscheidungen über Zinssätze (der Preis des Geldes) und Quantitative Easing (Gelddrucken) beeinflussen jeden Aspekt der Wirtschaft: von Immobilienpreisen über die Staatsschulden bis zur Arbeitslosenquote. Dies sind Entscheidungen mit massiver politischer und sozialer Tragweite, die jedoch von nicht gewählten Experten getroffen werden.

Die Rettung des Systems Die Finanzkrise von 2008 zeigte, dass die größten Banken keine bloßen Privatunternehmen sind, sondern ein kritischer Bestandteil der staatlichen Struktur. Das Konzept „Too Big to Fail“ impliziert, dass der Finanzsektor de facto Immunität gegen normale Wirtschaftsrisiken genießt, da die Zentralbanken und der Staat ihn immer mit Steuergeldern retten werden. Dies sichert die Dominanz der Finanzelite.

Finanzielle Geopolitik Durch Regularien und Finanzströme hat diese Säule die Macht, Sanktionen zu verhängen und ganze Staaten vom globalen Finanzsystem (z.B. SWIFT) auszuschließen. Damit wird Finanzmacht direkt zum Instrument der Außenpolitik.

Quintessenz der Macht: Die Zentralbanken kontrollieren die Liquidität und den Wert der Wirtschaft. Wer das Geld kontrolliert, kontrolliert das ökonomische Schicksal des Staates.

IV. Die Eiserne Faust: Militär und Militärisch-Industrieller Komplex

Die vierte Säule, die physisch mächtigste, ist das Militär und der Militärisch-Industrielle Komplex (MIK). Ihr Einfluss ist am stärksten in nuklearen Mächten mit globalen Ambitionen (USA, Frankreich, Großbritannien).

Eisenhowers Warnung und die Ökonomie des Krieges

Der MIK als Wirtschaftsmotor In den Vereinigten Staaten hat der MIK einen ständigen, fast unaufhaltsamen Druck hin zu höheren Verteidigungsausgaben erzeugt. Rüstungsunternehmen (wie Lockheed Martin oder Boeing) finanzieren politische Kampagnen, während Generäle und hochrangige Beamte nach ihrer Pensionierung direkt in diesen Unternehmen angestellt werden (Revolving Door). Dieser Zyklus hält einen Zustand ständiger Kriegs- oder Kriegsbedrohungen aufrecht, da Profite und Arbeitsplätze davon abhängen.

Die Dynamik der ständigen Präsenz Ein riesiger Militärapparat verlangt ständiges Engagement, was zu einer ständigen Truppenpräsenz weltweit führt. Diese Projektion von Gewalt, obwohl formal unter der Kontrolle des Präsidenten, hat oft eine eigene Trägheitsdynamik und geopolitische Ziele (z.B. der Erhalt von NATO-Stützpunkten).

Europäische Nuancen Während der MIK in Frankreich und Großbritannien stark ist, steht das Militär in Deutschland (Bundeswehr) und Österreich (Bundesheer) traditionell unter strengerer ziviler Kontrolle. Dennoch wächst der Druck, die Verteidigungsausgaben zu erhöhen (oft durch US-amerikanischen Einfluss), was diese Säule auch in Europa stärkt.

Quintessenz der Macht: Das Militär sichert die physische Gewalt und den Schutz des Systems. Wer die Gewalt kontrolliert, kontrolliert Territorium und Geopolitik.

V. Die Kontrollinstanz: Medien – Der Filter des Konsenses

Die Medien sind die fünfte, inoffizielle, aber entscheidende Säule – die Kontrolle des Narrativs. Ohne eine effektive Kontrolle des Narrativs wäre die nicht gewählte Macht der anderen vier Säulen ständig dem öffentlichen Druck ausgesetzt.

Vom kritischen Beobachter zum Lautsprecher der Elite

  1. Besitzverhältnisse und Finanzielle Abhängigkeit: Große Medienhäuser in Deutschland, Frankreich und den USA gehören oft Konzernen, Banken oder extrem reichen Personen, die eng mit dem Finanz- und Rüstungssektor verbunden sind.
    • Interessenskonflikt: Wenn ein Medienkonzern von der Werbung großer Banken (Säule III) oder Rüstungsfirmen (Säule IV) abhängig ist, gibt es einen inhärenten Anreiz, diese Sektoren nicht scharf zu kritisieren.
  2. Die „Revolving Door“ des Journalismus: Führungskräfte in den Medien wechseln häufig in hohe Regierungspositionen oder Beraterrollen, die den Zielen der Geheimdienste (Säule I) dienen. Diese Austauschbarkeit der Eliten garantiert eine Homogenität der Meinungen.
  3. Selektive Informationsweitergabe: Geheimdienste und Regierungsstellen nutzen Medien routinemäßig für selektives „Leaking“, um bestimmte Politiken zu legitimieren (z.B. die Notwendigkeit von Überwachungsgesetzen) oder politische Gegner zu diskreditieren.
  4. Framing und Marginalisierung: Die Art und Weise, wie eine Geschichte gerahmt wird, ist entscheidend. Die Finanzkrise wurde in den Medien oft auf „unverantwortliche Hypothekenschuldner“ reduziert, anstatt das räuberische Verhalten der Großbanken zu beleuchten – ein Schutzmechanismus für Säule III. Kritische oder abweichende Stimmen werden als „extrem“ oder „Verschwörungstheoretiker“ marginalisiert.

Fazit: Das Perpetuum Mobile der Macht

Die Tiefe Staat ist kein monolithisches Monster, sondern ein sich selbst erhaltendes System aus fünf miteinander verwobenen Säulen. Ihre Handlungen sind nicht immer bösartig, sondern basieren auf drei zentralen, systemischen Zielen:

  1. Kontinuität und Stabilität: Das System muss funktionieren, unabhängig davon, welche Partei gewählt wurde. Die Zentralbank greift ein, die Dienste arbeiten weiter.
  2. Schutz von Macht und Ressourcen: Das System arbeitet daran, die globalen Interessen der Elite zu schützen – sei es die geopolitische Vormachtstellung oder die wirtschaftliche Überlegenheit des Westens.
  3. Bürokratische Trägheit: Jede Säule kämpft um ein größeres Budget, mehr Befugnisse und mehr Personal, was einen konstanten Druck hin zu immer größerer staatlicher Macht erzeugt.

Dieses System unsichtbarer Macht – bestehend aus Informationen, juristischer Deckung, finanzieller Hebelwirkung, militärischer Gewalt und medialer Zustimmung – gestaltet die Politik von Österreich bis Amerika. Das Verständnis dieser fünf Säulen ist der erste Schritt zur Entlarvung der unsichtbaren Hand der Macht, die uns alle lenkt.

AustriaAktuell.at: Wer wählt, hat noch lange nicht entschieden.

BehauptungBelegquelle und Kontext
Globaler Überwachungsstaat (NSA/GCHQ)Die Existenz der Massenüberwachungsprogramme wie PRISM und Stellarwind wurde durch die Veröffentlichungen von Edward Snowden im Jahr 2013 (unter anderem im Guardian und Der Spiegel) weltweit bekannt. Die Dokumente zeigten, dass die NSA und das GCHQ Telefon- und Internet-Metadaten in gigantischem Umfang sammelten.
Abhören von VerbündetenAngela Merkels Handy wurde, wie aus den Snowden-Dokumenten hervorging, gezielt von der NSA überwacht. Dies belegte die Praxis, Verbündete zu bespitzeln.
„Covert Actions“ (DGSE, CIA)Die Durchführung von Sabotageakten, wie die Versenkung der „Rainbow Warrior“ (Greenpeace-Schiff) durch den französischen DGSE im Jahr 1985, ist ein historisch belegtes Beispiel für geheime Operationen außerhalb demokratischer Kontrolle.
BehauptungBelegquelle und Kontext
Macht der VerfassungsgerichteDie Rolle des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) in Deutschland und des Verfassungsgerichtshofs (VfGH) in Österreich ist in den jeweiligen Verfassungen (Grundgesetz in Deutschland, B-VG in Österreich) verankert. Sie haben die Kompetenz, Gesetze für verfassungswidrig zu erklären und damit die Politik zu korrigieren, was ihre Rolle als nicht gewählte „Arbitratoren“ der Macht unterstreicht.
WKStA-Ermittlungen (Österreich)Die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) ist bekannt für ihre weitreichenden und politisch folgenreichen Ermittlungen. Prominente Fälle betreffen oder betrafen hochrangige ÖVP-Politiker, darunter der ehemalige Bundeskanzler Sebastian Kurz (Anklage wegen Falschaussage, Ermittlungen zu Untreue) und Ermittlungen im Umfeld von Wolfgang Sobotka und René Benko (Signa).
Legalisierung von ÜberwachungDie Genehmigung von Überwachungsmaßnahmen durch spezialisierte Gerichte, wie den Foreign Intelligence Surveillance Court (FISC) in den USA, ist der Mechanismus, durch den die Geheimdienste ihre Praktiken formal juristisch absichern.
BehauptungBelegquelle und Kontext
Unabhängigkeit der EZB und FEDDie Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank (EZB) ist vertraglich in den EU-Verträgen (Art. 130 AEUV) festgelegt, um sie vor politischen Weisungen zu schützen. Ähnliches gilt für die US Federal Reserve (FED). Diese Unabhängigkeit ist die Grundlage für ihre immense Macht über Zinssätze und Liquidität.
Geopolitische Kontrolle (Sanktionen)Die Möglichkeit, Staaten über das SWIFT-System von globalen Finanztransaktionen auszuschließen, ist ein häufig eingesetztes und weithin dokumentiertes Instrument der finanziellen Außenpolitik (z.B. gegen den Iran oder Russland).
„Too Big to Fail“ (Finanzkrise 2008)Die staatlich organisierten Rettungsaktionen für Großbanken und Versicherungen wie AIG und Bank of America während der Finanzkrise 2008/2009 sind der bekannteste Beleg für dieses Prinzip.
BehauptungBelegquelle und Kontext
MIK und „Revolving Door“Das Konzept des Militärisch-Industriellen Komplexes (MIK) stammt aus der Abschiedsrede von US-Präsident Dwight D. Eisenhower von 1961, der vor dessen „ungerechtfertigtem Einfluss“ warnte. Die Praxis der „Revolving Door“ (Wechsel von Generälen zu Führungspositionen bei Firmen wie Lockheed Martin oder Boeing) ist in Studien des Europäischen Parlaments und unabhängiger Denkfabriken belegt.
Zwang zu höheren AusgabenDie Forderung nach Erreichen des 2%-Ziels der NATO, die insbesondere von den USA und dem MIK vorangetrieben wird, ist ein aktuelles Beispiel für den Druck, der auf europäische Staaten (einschließlich Deutschland) ausgeübt wird, um die Rüstungsausgaben zu erhöhen.
BehauptungBelegquelle und Kontext
Medienbesitz und BeeinflussungBerichte über die staatliche Werbung in den Medien und die Bedenken hinsichtlich der Fairness und Transparenz bei der Zuteilung (ein Thema, das die Europäische Kommission im Rechtsstaatlichkeitsbericht 2021 über Österreich ansprach) belegen die finanzielle Abhängigkeit der Medien von der Politik.
„Lügenpresse“ und PopulismusDie Verwendung des Begriffs „Lügenpresse“ durch populistische und rechtsextreme Parteien wie die AfD in Deutschland oder die FPÖ in Österreich ist ein gut dokumentiertes rhetorisches Mittel, um den Medienstab als Teil des „Establishments“ anzugreifen.

Von admin

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