Drohnen, Sabotage und Desinformation: Urs Vögeli sieht Europa bereits mitten im „schleichenden Zermürbungskrieg“.

Seit dreieinhalb Jahren hallt der Satz „Wir haben einen Krieg in Europa“ durch sicherheitspolitische Kreise. Doch der Politikwissenschafter Urs Vögeli beobachtet, dass der Ernst der Lage in großen Teilen der Bevölkerung – etwa in der Schweiz, wo er das Sorgenbarometer analysiert – noch nicht wirklich angekommen ist. Seine ernüchternde Diagnose: „Der hybride Krieg steht schon längst vor unserer Tür – doch fassbar ist das für viele nicht.“

Schleichender Zermürbungskrieg

Vögeli liefert konkrete Beispiele für diesen unsichtbaren Konflikt: Drohnensichtungen an europäischen Flughäfen, die Sabotage von Unterseekabeln, anhaltende Desinformationskampagnen oder mysteriöse Ballon-Vorkommnisse über Litauen. Er ordnet diese Vorfälle als Bestandteile eines „schleichenden Zermürbungskrieges“ ein. Juristisch mag dies kein Krieg sein, doch Vögeli betont: „Die Grenzen zwischen Krieg und Nichtkrieg verschwimmen. Genau diese Unschärfe spaltet Politik, Institutionen und Gesellschaft.“

Überforderung der Institutionen

Der Politikologe ist überzeugt, dass diese Uneindeutigkeit weiter zunehmen wird. Er sieht die größte Gefahr nicht in einem direkten russischen Einmarsch in Polen oder Estland, sondern in der Handlungsunfähigkeit von Gesellschaft und Institutionen. „Die Herausforderungen nehmen zu und unsere Systeme sind darauf nicht vorbereitet,“ so Vögeli.

Ein zentrales Problem liegt in der traditionellen Zuständigkeitslogik, die durch die hybriden Bedrohungen gesprengt wird. Vögeli fragt: „Wer ist verantwortlich, wenn in unseren Nachbarländern Drohnen auftauchen? Polizei? Armee? Flughafensicherheit? Zuerst wirkt es wie eine Aufgabe für eine bestimmte Stelle, dann doch wieder für alle. Und am Ende fühlt sich niemand wirklich zuständig.“

Krieg als Kunst und Strategie

Europa denke zu kurzfristig und traditionell. Diese Haltung werde von Staaten wie China gezielt ausgenutzt. Vögeli identifiziert die selbst geschaffenen Abhängigkeiten, etwa bei kritischen Infrastrukturen und Energie, als Europas „Achillesferse“. Dies führe zu einer verzwickten Lage: „Reagiert man zu hart, ist es übertrieben und man schadet sich selber. Reagiert man zu schwach, gilt man als unfähig oder kann der Doppelmoral bezichtigt werden.“

Länder wie China pflegen laut Vögeli ein breiteres Verständnis von Krieg. Dort sei Krieg nicht nur Technik, sondern auch eine Art Kunst. „Entscheidend ist, wie man ein Vorgehen erzählt, inszeniert, welche Geschichte man schafft.“ Ähnliche Strategien erkennt Vögeli bei Persönlichkeiten wie Donald Trump, beispielsweise im Fall Venezuelas, wo bewusst die Gründe für Angriffe auf Schiffe – Drogen, Öl, Terror, Geopolitik – verschleiert werden. „Man weiß es nicht genau – und genau darauf zielt die Strategie ab.“

Zwei Strategien für Europa

Um dieser Entwicklung zu begegnen, sieht Vögeli zwei parallele und unumgängliche Strategien für Europa:

  1. Dialog und Verständnis: Der Dialog mit der Bevölkerung muss gestärkt werden. „Man kann das nicht von oben verordnen.“ Die Bürger müssen durch klare Kommunikation, gute Erzählungen und ein gemeinsames Bedrohungsverständnis verstehen, wie moderne Konflikte funktionieren und welche Rolle Europa spielt.
  2. Kapazitäten und Industrieausbau: Europa muss seine industrielle Grundlage stärken, um wieder unabhängiger zu werden, etwa bei der Herstellung eigener Kriegsschiffe. Vögeli veranschaulicht die Notwendigkeit, jetzt zu handeln, um in Zukunft handlungsfähig zu sein: „Wir müssen jetzt den ersten Knopf drücken, damit wir in fünf Jahren den nächsten drücken können.“ Der Faktor Zeit sei zentral.
Drohendes Schicksal als Spielball

Unternimmt Europa nichts, steige laut Vögeli die Abhängigkeit – vor allem gegenüber China. Konflikte rücken näher an Europa heran, der Druck wächst, und der Handlungsspielraum schwindet. Die düstere Aussicht des Politikwissenschaftlers: „Dann können wir nichts mehr sagen. Europa würde zum Spielball.“

Der hybride Krieg ist eine Realität, die Europas Institutionen an ihre Grenzen bringt. Nur durch Stärkung der industriellen Kapazitäten und die Schaffung eines gemeinsamen Bedrohungsverständnisses in der Bevölkerung kann die Handlungsfähigkeit gesichert werden. Die Zeit drängt.

Quelle „heute.at“

Austria Aktuell: Wachsamkeit ist die neue Sicherheit.

Von admin

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