Ein Video von einer Publikumsdiskussion im Rahmen der Sommertour in Salzburg sorgt für heftigen Wirbel in der österreichischen Innenpolitik.
Auf die Frage, ob ihm bewusst sei, wie stark die heimische Wirtschaft von der unbezahlten Frauenarbeit abhänge, antwortete Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) überraschend: Kinderbetreuung sei für ihn keine unbezahlte Arbeit, da eine Familie aus seiner Sicht nicht in bezahlter Arbeit zu rechnen sei. Wer Familien als Business-Case begreife, vertrete ein völlig anderes Familienbild als er.
Die Wut im Netz und die harten Zahlen
Der Mitschnitt der Salzburger Diskussion verbreitete sich rasch im Internet. Millionen Klicks und tausende wütende Kommentare von Eltern folgten umgehend. Aus den Reihen der Opposition hagelte es scharfe Kritik. Eine solche Einstellung sei ein Schlag ins Gesicht aller Mütter, die täglich rund um die Uhr Verantwortung übernehmen.
In der ORF-Sendung ZIB2 wurde die Thematik anhand konkreter Daten genauer beleuchtet. Berechnungsmethoden aus den 1970er-Jahren zeigen, dass private Haus- und Erziehungsarbeit knapp 40 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung ausmacht. Bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt entspricht das beinahe 200 Milliarden Euro. Laut Erhebungen der Statistik Austria übernehmen Frauen in Österreich im Durchschnitt immer noch rund zwei Drittel der gesamten Kinderbetreuung, während Männer ein Drittel beisteuern.
Rückzug und öffentliche Entschuldigung
Der öffentliche Druck zeigte schnell Wirkung. Familienministerin Claudia Bauer versuchte zunächst zu vermitteln und betonte, dass Kinder selbstverständlich eine Heidenarbeit bedeuteten, auch wenn es sich um keinen Job im herkömmlichen Sinn handle.
Wenig später zog Bundeskanzler Christian Stocker selbst die Konsequenzen und entschuldigte sich öffentlich. Er stellte klar, dass seine Aussage falsch gewesen sei, und bat all jene um Verzeihung, die sich durch seine Worte verletzt oder nicht ausreichend wertgeschätzt gefühlt haben.
Medienanalyse zur politischen Lage
In der ZIB2 analysierten die Journalistinnen Katharina Mittelstaedt (Die Zeit) und Johanna Hager (Kurier) die Lage. Mittelstaedt hielt fest, dass die Aussage das traditionelle Familienbild nicht in die Gegenwart katapultiere, da für viele Frauen die Familienplanung aufgrund der ökonomischen Rahmenbedingungen unfreiwillig sehr wohl zu einem Business-Case werde.
Johanna Hager verwies auf die angespannte Lage der Volkspartei, die derzeit in Umfragen unter der 20-Prozent-Marke liegt. In einer solchen Phase wiege eine weitere Negativ-Schlagzeile besonders schwer, da das Thema Kinderbetreuung breite Bevölkerungsschichten direkt berühre. Positiv hob Katharina Mittelstaedt hervor, dass der Kanzler nicht die fehlerhafte Ausflucht wählte, man habe ihn bloß falsch verstanden, sondern seinen Fehler direkt einräumte.
Proteste am Ballhausplatz angekündigt
Trotz der Klarstellung ist die Debatte keineswegs beendet. Mehrere Frauenorganisationen haben bereits zu Protestaktionen aufgerufen und für den kommenden Montag einen Streik direkt vor dem Bundeskanzleramt angekündigt.
Ein unbedachter Sager im Sommerloch zeigt, wie sensibel die gesellschaftliche Debatte um unbezahlte Care-Arbeit und Gleichberechtigung in Österreich ist. Trotz einer raschen und deutlichen Entschuldigung des Kanzlers bleibt der politische Flurschaden im Vorfeld anstehender Richtungsentscheidungen spürbar.
Quelle „heute.at“
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