In Serbien hat eine von Studenten angeführte Protestbewegung bei der Parlamentswahl einen historischen Erdrutschsieg errungen und Langzeitmachthaber Aleksandar Vučić abgewählt.
Nach Auszählung von rund 99 Prozent der Stimmen kommt die Studentenliste auf 52,7 Prozent und sichert sich 139 der 250 Mandate im Parlament. Das Bündnis um die Serbische Fortschrittspartei (SNS) von Vučić erreicht lediglich 39,2 Prozent (97 Sitze), während der Rest an Minderheitenparteien geht. Vučić gestand die Niederlage am Sonntagabend ein, kritisierte die Bewegung jedoch als „Ausführer ausländischer Machthaber“.
Die Wahlbeteiligung lag bei knapp 70 Prozent – ein Rekordwert seit 1992. Zehntausende feierten den Wahlausgang in Belgrad und anderen Städten. Auslöser der jahrelangen Proteste war eine Tragödie in Novi Sad, bei der im November beim Einsturz eines Bahnhofsvordachs 16 Menschen ums Leben kamen. Dies hatte die Wut über Korruption und die politische Führung entfacht.
Offene Regierungsfrage
Wer das Land künftig regieren soll, ist allerdings völlig offen. Die Bewegung hatte während der Proteste bewusst auf eine zentrale Führung verzichtet, um staatliche Angriffe abzuwehren. Unter den gewählten Mandataren befinden sich Universitätsprofessoren, Schauspieler und Landwirte. Als mögliche Schlüsselfiguren gelten der Kardiologe Ilija Srdanovic, der frühere Notenbankchef Dejan Soskic sowie der Universitätsprofessor Radomir Sajcic.
Laut Verfassung bleiben bis zu 90 Tage Zeit für die Regierungsbildung. Während viele Bürger auf einen demokratischen Neuanfang und ein Ende der Korruption hoffen, äußern andere Bedenken angesichts der unklaren Machtverhältnisse. Am Montag begannen Anhänger der Bewegung bereits damit, ein bisheriges Protestlager von Vučić-Unterstützern in einem Park nahe dem Parlament in Belgrad aufzuräumen.
Schattenseiten des Umbruchs zeigten sich am Montagabend, dem Tag nach der Wahl, als es zu einem Zwischenfall beim Sender „Informer“ kam. Dutzende Personen drangen in die Räumlichkeiten der bisherigen pro-regierenden Fernsehanstalt ein. Dabei kam es zu Beschimpfungen und Angriffen auf Redakteure, während der Sender live auf Sendung war. Polizei und Rettungskräfte mussten ausrücken, wobei offensichtlich eine Mitarbeiterin Verletzungen erlitt. Der Vorfall wirft Fragen über die Meinungsfreiheit und den Umgang mit Andersdenkenden auf, zumal der Sender bereits am Vortag zum Zeitpunkt der ersten Bekanntgabe den Wahlsieg der Studentenliste offiziell gewürdigt hatte.
Studentische Aufbruchsstimmung trifft auf offene Zukunftsfragen in Serbien.
Der Wandel auf Belgrads Straßen ist unübersehbar, doch die Regierungsfrage bleibt spannend.
Studentische Aufbruchsstimmung trifft auf offene Zukunftsfragen in Serbien.
