Pekings Rohstoffmacht trifft Hightech-Industrie
Wien/Berlin. China schraubt den Germanium-Hahn für Deutschland langsam, aber unaufhaltsam zu. Der Rohstoff, unverzichtbar für Glasfaserkabel, Mikrochips und moderne Nachtsichtgeräte, ist ein geopolitisches Faustpfand geworden. Insbesondere die Rüstungsindustrie gerät durch die Lieferengpässe unter enormen Druck.
Von Lieferstrom zum Rinnsal: Die China-Zahlen
Seit Mitte 2023 verlangt die Volksrepublik für den Export eine Lizenz – eine Maßnahme, die den Handelsfluss drastisch reduziert hat. „Bis dahin stammten rund 60 Prozent des nach Deutschland importierten Germaniums aus China,“ erklärt Justus Brinkmann, Rohstoffexperte beim Beratungsunternehmen Inverto.
Die Konsequenzen sind dramatisch. Waren es im ersten Halbjahr 2023 noch 28 Tonnen Germanium, die China exportierte, sank dieser Wert für das gesamte Jahr 2024 auf nur noch 12,4 Tonnen. Im ersten Halbjahr 2025 fielen die Gesamtexporte Chinas auf magere 5 Tonnen.
Der deutsche Anteil an diesen geschrumpften Ausfuhren ist laut Brinkmann überdurchschnittlich stark eingebrochen: Von etwa der Hälfte im Jahr 2024 auf zuletzt weniger als ein Fünftel. Konkret: Im Jahr 2025 waren es bisher lediglich 902 Kilogramm.
Preisschub alarmiert die Märkte
Der Versorgungsengpass lässt die Preise explodieren. Lag der Preis pro Kilogramm der 99,99-prozentigen Güte 2023 noch bei etwa 1.500 Euro, kratzt er nun an der 4.000er-Marke. Das Beratungsunternehmen Inverto bezifferte den Preis im Oktober auf 3.983,7 Euro.
Obwohl Produktionsdrosselungen derzeit laut Inverto noch nicht bekannt sind, müssen Einkaufsteams mit Hochdruck an individuellen Lösungen arbeiten und die drastisch steigenden Preise schlicht hinnehmen.
Suche nach Alternativen: Kongo und heimische Quellen
Westliche Alternativen zu China gibt es zwar – etwa in Belgien, Finnland, Kanada oder den USA – doch diese stehen vor den gleichen Engpässen. Ein Hoffnungsschimmer ist die Demokratische Republik Kongo (DRK), die über reiche Germaniumvorkommen verfügt. Seit 2024 wird das belgische Werk des Rohstoffkonzerns Umicore von dort aus beliefert. Das Besondere: Das Metall stammt aus dem Recycling von Bergbauabfällen und ist somit ein Nebenprodukt.
Justus Brinkmann betont, Germanium werde ohnehin meist als Beiprodukt der Zinkproduktion gewonnen. Technisch wäre auch die Gewinnung aus Braunkohlenasche oder der Kupferproduktion möglich.
Germanium-Abbau in Deutschland? Die Politik am Zug
Zink, Braunkohle und Kupfer wurden oder werden auch in Deutschland abgebaut. Die Möglichkeit, heimische Quellen anzuzapfen, existiert zumindest theoretisch. An der Umsetzbarkeit eines solchen Nachbergbaus wird bereits geforscht. Bisher galt dies als nicht wirtschaftlich, doch die chinesische Verknappung verschiebt die ökonomischen Koordinaten.
Experte Brinkmann sieht die Politik in der Pflicht: „Wichtig wären Abnahmegarantien, denn Investments in Rohstoffproduktion und -recycling sind hoch und langfristig angelegt.“ Um die deutsche Industrie vor der Geopolitik zu schützen, müsse die Bundesregierung der Rohstoffwirtschaft mehr Planungssicherheit geben.
Zugleich warnt das Entwicklungsministerium (BMZ) davor, sich zu sehr auf Alternativen wie den Kongo zu verlassen. Das Urteil über das Land: „Reiche Rohstoffvorkommen, schlechtes Geschäftsklima.“
Substituierung schwierig, aber nicht unmöglich
Gänzlich auf Germanium zu verzichten, ist schwierig. „Germanium ist wegen seiner besonderen Leitfähigkeit schwer zu substituieren,“ so der Experte. Zwar gibt es mittlerweile germaniumfreie Wärmebild-Linsen, aber derartige Innovationen bräuchten Zeit, betont Martin Gerth.
Fazit
Chinas Exportbremse bei Germanium stellt Deutschland vor eine immense Herausforderung, insbesondere für die Hochtechnologie- und Rüstungsindustrie. Die Preise explodieren und die Suche nach stabilen, ethisch vertretbaren Alternativen läuft auf Hochtouren. Heimische Rohstoffquellen wiederzubeleben, erfordert allerdings politische Weitsicht und langfristige Abnahmegarantien durch die Bundesregierung, um die geopolitische Abhängigkeit zu minimieren.
Quelle „wiwo.de“
Wer Rohstoffe hat, hat das Sagen.
