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Viszeralfett ist die größte unterschätzte Gesundheitsgefahr unserer Zeit. Es ist das tückische, tief liegende Bauchfett, das unsere inneren Organe umhüllt und eine Kaskade an Stoffwechselstörungen auslöst, die in Österreich jährlich für Tausende Todesfälle verantwortlich sind. Experten nennen es nicht umsonst eine „tickende Zeitbombe“.

Die Adipositas-Epidemie: Österreich im Fokus

Adipositas, definiert als ein Body-Mass-Index (BMI) über 30, hat sich weltweit rasant ausgebreitet – schneller, als selbst Fachleute es erwartet hatten. Auch in Österreich sind die Zahlen alarmierend: Laut Statistik Austria leidet rund jeder Sechste (etwa 17 % der über 15-Jährigen) an Adipositas. Eine aktuelle Studie des Instituts für Höhere Studien (IHS) Wien zeigt: Über 8 Prozent aller Todesfälle (unter 85 Jahren) in Österreich sind auf Adipositas zurückzuführen, und die Erkrankung verschlingt knapp 5 Prozent der Gesundheitsausgaben. Dies unterstreicht die Dringlichkeit, das Problem des krankhaften Übergewichts als komplexe, chronische Krankheit zu behandeln, wie die Österreichische Adipositas Gesellschaft (ÖAG) betont.

Android vs. Gynoid: Die gefährliche Fettverteilung

Nicht jedes Übergewicht ist gleich gefährlich. Der französische Endokrinologe Jean Vague erkannte bereits in den 1950ern den entscheidenden Unterschied:

  1. Androide Verteilung (Apfeltyp): Runder Bauch, oft bei Männern, begünstigt die Ansammlung von Viszeralfett. Deutlich ungünstiger für die Gesundheit.
  2. Gynoide Verteilung (Birnentyp): Üppige Rundungen an Hüften, Oberschenkeln und Gesäß, eher subkutan (Unterhautfett). Weniger riskant.

Das Viszeralfett umhüllt die Viscera (Eingeweide) wie Magen, Leber, Bauchspeicheldrüse und Nieren. Es ist zwar weniger auffällig als Unterhautfett, aber seine Aktivität macht es zum Problem. Richtwerte, ab denen das Risiko massiv steigt, sind ein Bauchumfang von 88 cm bei Frauen und 102 cm bei Männern. Die Medizinische Universität Innsbruck weist zudem darauf hin, dass der Taillenumfang bei Männern sogar aussagekräftiger für das Krebsrisiko sein kann als der BMI allein.

Das metabolische Chaos: Wie Viszeralfett Organe schädigt

Das Bauchfett ist ein vollwertiges endokrines Organ, das über Hunderte von Molekülen mit dem gesamten Körper kommuniziert. Karine Clément, Direktorin der Forschungseinheit „Nutriomics“ in Paris, erklärt, dass Fettzellen (Adipozyten) Signalstoffe freisetzen, die den Stoffwechsel steuern.

Bei einem Übermaß an Viszeralfett wird dieser Dialog zum Monolog der Gefahr:

  • Insulinresistenz und Diabetes Typ II: Das Viszeralfett schaltet die Insulinsensitivität der Zellen herunter. Die Folge: Die Körperzellen können Zucker (Glukose) aus dem Blut nur noch vermindert aufnehmen. Die Bauchspeicheldrüse produziert zur Kompensation immer mehr Insulin, bis die Beta-Zellen versagen – Diabetes Typ II entsteht.
  • Chronische Entzündungen: Das Fettgewebe setzt massiv entzündungsfördernde Botenstoffe, sogenannte Zytokine, frei. Diese verursachen „schwelende“ oder „stumme“ Entzündungen, die nicht abklingen.
  • Leber und Gefäße: Die chronischen Entzündungen führen dazu, dass freie Lipidmoleküle (Fett) nicht mehr ordnungsgemäß im Bauchfett eingelagert werden können und im Blut zirkulieren. Dies schädigt die Blutgefäße (Atherosklerose), verursacht Herz-Kreislauf-Probleme und begünstigt eine Fettleber bis hin zur Leberzirrhose.
  • Das Immunsystem: Die chronische Überlastung des Immunsystems durch Entzündungen schwächt die gesamte Körperabwehr. Dies wurde besonders deutlich während der Corona-Pandemie, in der Adipositas ein zentraler Risikofaktor für tödliche Verläufe war. Sogar Alzheimer und diverse Krebsarten stehen im Verdacht, mit den dauerhaften Entzündungsprozessen in Verbindung zu stehen.

Die verborgene Macht des Darms: Mikrobiom und Bauchfett

Jenseits von Kalorien und Genen rückt das Darmmikrobiom (die Gesamtheit der Mikroorganismen im Darm) immer stärker in den Fokus der Forschung.

  • Verlust der Vielfalt: Adipöse Personen weisen oft eine geringere Diversität in ihrer Darmflora auf. Besonders der westliche Ernährungsstil – reich an hochverarbeiteten Lebensmitteln und arm an Ballaststoffen – lässt die Darmbakterien verhungern und reduziert die Artenvielfalt drastisch.
  • Endotoxämie-Teufelskreis: Fehlt eine gesunde Darmflora, kann die Darmbarriere durchlässig werden. Bakterielle Bestandteile und Toxine gelangen ins Blut (Endotoxämie), was die entzündlichen Prozesse, die durch das Viszeralfett bereits bestehen, noch massiv verstärkt. Patrice Cani und sein Team demonstrierten diesen Mechanismus 2007 an Mäusen.
  • Der Schleim-Erneuerer: Ein Schlüsselakteur ist das Bakterium Akkermansia muciniphila. Entdeckt von Willem de Vos und intensiv erforscht von Patrice Cani (Katholische Universität Löwen), ernährt es sich von der Darmschleimschicht und erneuert diese, wodurch die Barrierefunktion gestärkt wird. Es produziert zudem vorteilhafte kurzkettige Fettsäuren (SCFAs), die den Appetit zügeln und die Fettverbrennung steigern. Erste klinische Studien zeigten eine 30-prozentige Steigerung der Insulinsensitivität bei Probanden nach der Einnahme.

Kampfansage an das Fett: Gezielte Lebensstil-Interventionen

Obwohl die Genetik und das Mikrobiom eine Rolle spielen, ist die chronische Energieüberzufuhr der Haupttreiber für Viszeralfett. Die gute Nachricht von Matthias Blüher (Uniklinikum Leipzig) lautet: „Viszeralfett baut sich im Körper schnell auf, aber auch schnell wieder ab.“

  • Der Fünf-Prozent-Effekt: Die PLIS-Studie (Prädiabetes Lifestyle Intervention Study) des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung zeigte: Wer fünf Prozent seines Gewichts verlor, normalisierte in fast jedem zweiten Fall die Blutzuckerwerte, reduzierte das Viszeralfett massiv und senkte das Diabetes-Risiko um 73 Prozent.
  • Die Macht der Fette und Polyphenole: Die internationale DIRECT PLUS-Studie (Kernforschungszentrum Negev) untersuchte die Effekte verschiedener Diäten. Die Gruppe, die eine intensivierte Mittelmeerdiät mit doppelt so hohem Gehalt an Polyphenolen (aus Grüntee, Walnüssen und proteinreichen Wasserlinsen/Wolffia) erhielt, verlor mehr als 14 Prozent Viszeralfett. Das war doppelt so viel wie bei der konventionellen Mittelmeerdiät. Polyphenole fördern unter anderem das Wachstum von Akkermansia muciniphila.

Das Adipositas-Gedächtnis: Die Hürde nach der Diät

Ein großes Problem ist der Jo-Jo-Effekt. Matthias Blüher prägte den Begriff „Adipositas-Gedächtnis“, da der Körper das maximal erreichte Gewicht verteidigt. Forschungsergebnisse um Laura Hinte (ETH Zürich) legen nahe, dass dies auf epigenetischen Effekten beruht: Selbst nach starkem Gewichtsverlust weisen Adipozyten im Viszeralfett noch veränderte Genexpressionsmuster auf, die sie quasi für eine schnelle Wiederzunahme von Fettdepots „vorbereitet“ halten. Die gute Nachricht: Auch diese epigenetischen Modifikationen können durch Lebensstil und Diät – wie die intensivierte Mittelmeerdiät – teilweise positiv beeinflusst werden.

Viszeralfett ist ein hochaktiver metabolischer Störfaktor. Während die Forschung an Bakterien wie Akkermansia muciniphila und neuen Medikamenten wie Mounjaro (Tirzepatid) im Wiener Gesundheitsverbund Fortschritte macht, bleibt die Kombination aus Bewegung und einer mediterran inspirierten, polyphenolreichen Ernährung der Königsweg, um diese innere Gefahr einzudämmen.

Quelle „spektrum.de“

Gesundheit beginnt im Bauch – bekämpfen Sie den unsichtbaren Feind!

Von admin

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