Die Arbeitswelt in Österreich steht vor einer Zerreißprobe. Eine aktuelle und alarmierende IFES-Umfrage im Auftrag der Gewerkschaft GPA offenbart tiefe Risse im Fundament unserer täglichen Arbeit:
Mehr als ein Drittel der Beschäftigten glaubt nicht mehr daran, den aktuellen Beruf gesund bis zur Pension durchzuhalten. Am Montag wurden die drastischen Ergebnisse unter dem Titel „G’sund am Arbeitsplatz“ in Wien präsentiert.
Die Belastungen verschieben sich
Die Zeiten, in denen vor allem klassische Unfallrisiken die größte Gefahr am Arbeitsplatz darstellten, sind weitgehend vorbei. Heute dominieren unsichtbare Belastungen den Alltag. Neben chronischen Rücken- und Gelenkerkrankungen rücken psychische Beschwerden immer stärker in den Vordergrund. Die Ergebnisse zeigen deutliche Defizite im System. Während der Druck messbar zunimmt, bleiben notwendige Präventionsmaßnahmen in vielen Betrieben ungenutzt. Berufsspezifische Leiden werden noch zu oft zur reinen Privatsache der Betroffenen erklärt.
Erschöpfung trifft nicht alle gleich
Der Zustand der eigenen Gesundheit wird von 32 Prozent der Befragten als mittelmäßig bis sehr schlecht beschrieben. Ein genauerer Blick auf die Daten zeigt eine alarmierende soziale Kluft. Bei Menschen, die körperlich schwer arbeiten, verdoppelt sich dieser Wert fast: Hier klagen 51 Prozent über einen schlechten Gesundheitszustand. Eine identische Zahl zeigt sich beim Einkommen. Wer mit dem monatlichen Geld kaum oder gar nicht auskommt, berichtet ebenfalls zu 51 Prozent von gesundheitlichen Problemen.
Der Wunsch nach Entlastung
Wenn die Kräfte schwinden, schwindet auch die Zuversicht. Exakt 34 Prozent der Befragten sehen sich nicht bis zur Pension im aktuellen Job. Bei jenen, die bereits jetzt unter gesundheitlichen Einschränkungen leiden, blicken sogar sechs von zehn Personen pessimistisch in die Zukunft. Die Wünsche der Arbeitnehmer nach Gegensteuerung sind konkret: 43 Prozent fordern eine Reduzierung der Arbeitszeit, dicht gefolgt von 42 Prozent, die eine spürbare Senkung des Arbeitsdrucks verlangen. Auch ergonomische Möbel und bessere Dienstzeiten werden häufig genannt.
Zeitdruck bricht die Pausen
Der größte Feind im Arbeitsalltag bleibt der Faktor Zeit. Für 41 Prozent der Befragten ist permanenter Zeitdruck der Belastungsfaktor Nummer eins. Dahinter folgen emotionale Überforderung im Job sowie Umweltfaktoren wie extreme Hitze und Lärm. Besonders kritisch steht es um die Regeneration: Fast die Hälfte der Befragten kann die gesetzlich zustehenden Pausen nicht planmäßig einhalten. Ein Grund dafür liegt im chronischen Personalmangel, über den 49 Prozent der Umfrageteilnehmer klagen. Zudem gibt fast die Hälfte an, dass die Gesamtbelastung in den letzten zwei Jahren spürbar angestiegen ist.
Medizin warnt vor Klimakrise
Umweltmediziner Hans-Peter Hutter von der MedUni Wien warnt vor einer Verschärfung der Lage durch äußere Einflüsse. Der steigende Druck und die Zunahme psychischer Belastungen treffen nun auch auf die Auswirkungen der Klimakrise, die neue Gesundheitsrisiken direkt an den Arbeitsplatz bringt. Aus ärztlicher Sicht fordert Hutter ein Umdenken: Es dürfe nicht mehr nur darum gehen, Krankheiten zu verwalten. Es müssen Bedingungen geschaffen werden, in denen Menschen langfristig gesund und leistungsfähig bleiben können. Das investierte Geld der Unternehmen zahle sich laut Hutter dreifach an die Wirtschaft und Gesellschaft zurück.
Gewerkschaft fordert Reformen
Die Vorsitzende der Gewerkschaft GPA, Barbara Teiber, sieht in den Daten ein unüberhörbares Warnsignal an die Politik und die Arbeitgeber. Gesund bis zur Pension zu arbeiten, dürfe kein Zufallsprodukt oder Glücksfall sein. Der Gesundheitsschutz sei eine gesetzliche Fürsorgepflicht der Betriebe. Teiber fordert daher eine rasche Modernisierung der Berufskrankheitenliste, damit Leiden wie Burn-out, Bandscheibenvorfälle oder das Karpaltunnelsyndrom schneller und unbürokratischer anerkannt werden. Zudem verlangt die GPA einen Rechtsanspruch auf Wiedereingliederungsteilzeit nach schweren Krankheiten und strengere Regeln für planbare Arbeitszeiten in den Kollektivverträgen.
Die IFES-Studie hält Österreichs Arbeitswelt den Spiegel vor. Wenn ein Drittel der Erwerbstätigen das Erreichen der Pensionsgrenze im eigenen Beruf bezweifelt, ist das kein individuelles Versagen, sondern ein strukturelles Problem. Höherer Druck bei gleichzeitigem Personalmangel führt unweigerlich in die gesundheitliche Sackgasse. Ein moderner Arbeitnehmerschutz, der psychische Belastungen und Klimafaktoren ernst nimmt, ist keine Luxusforderung, sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit zur Sicherung unseres Wohlstands.
Quelle „heute.at“
Österreich arbeitet am Limit.
